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ISSN 0947 - 8736 European Journal of Clinical Research
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Kosten-Nutzen-Analyse neuerer
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Durch
pharmakoökonomische Studien wurde nun in den letzten Jahren versucht, die
„wahre” Kosten-Nutzen-Relation deutlich teurerer neuerer Antidepressiva im
Vergleich zu preisgünstigen älteren, trizyklischen (Generika-)Präparaten zu
erhellen. Zur Methodik derartiger gesundheits- bzw. pharmakoökonomischer
Analysen seien zum besseren Verständnis kurz folgende Einführungen gegeben:
Tab. 1: Kostenkomponente einer Krankheitskostenstudie
|
Kostenkategorie |
Kostengruppen |
Beispiele einzelner Kostenstellen |
|
Direkte Kosten |
1.
Ambulante Behandlung 2.
(Teil-)stationäre Behandlung 3.
Rehabilitation 4.
Eigen-Behandlung |
Leistungen des Arztes Medikamente Diagnose/Untersuchungen Laborkosten Medizintechnische Leistungen (z.B.
CCT) Transport zu Arztpraxen Akutbett-Tage Tagesklinik Transport zu Krankenhäusern Physiotherapien Psychotherapien Selbstmedikation |
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Indirekte Kosten |
1.
Morbidität 2.
Invalidität 3.
Mortalität |
Produktionsausfall durch Arbeitsunfähigkeit Freizeitausfall Betreuungskosten Angehörige Zeitkosten der ambulanten Behandlung Produktionsausfall durch Arbeitsausfall (nach Invaliditätsgrad) Freizeitausfall Betreuungskosten Angehörige Arbeitsausfall |
|
Psychosoziale Kosten |
|
Einschränkung der
Lebensqualität ·
der Patienten ·
der Angehörigen durch Angst, sozialen Rückzug
u.ä. |
Die
differentielle ökonomische Nützlichkeit von Antidepressiva umfaßt somit
sowohl direkte als auch indirekte sowie (schwer meßbare) psychosoziale
Kosten.
|
Insgesamt
lassen sich fünf Formen pharmakoökonomischer Studien unterscheiden (Tabelle
2):
Als
direkten Nutzen einer medizinischen Behandlung werden Symptombesserung,
Senkung der Mortalitätsrate oder Reduktion der Rezidivrate bezeichnet. Der
indirekte Nutzen einer Therapie wird danach bemessen, inwieweit sie zur
Einsparung direkter und indirekter Kosten beiträgt (zum Beispiel Verkürzung
der stationären Behandlungszeit oder der Krankschreibung/Zeit der Arbeitsunfähigkeit
im Vergleich zur Nichtbehandlung). Die Entscheidung zwischen mehreren
therapeutischen Alternativen erfolgt anhand einer Kosten-Nutzen-Analyse häufig
in Form der cost-benefit-analysis, d.h. Gegenüberstellung direkte/indirekte
Behandlungskosten – finanzielle Einsparungen infolge der Behandlung
(direkter/indirekter Nutzen). Zu den methodischen Problemen gehört hierbei
u.a. die Frage der Quantifizierbarkeit des erreichten Nutzens; ein Versuch,
die Lebensqualität zu quantifizieren ist hierbei die Erfassung sogenannter
qualitätskorrigierter Lebensjahre (quality adjusted life years, QALY).
Da
empirische Daten zumeist nicht ausreichen, um das Verhältnis
Kosten-Effektivität zu ermitteln, wird extrapoliert bzw. eine Modellrechnung,
also ein quasi-experimentelles – in der Regel retrospektives – Vorgehen
eingesetzt. Zumeist können aufgrund fehlender oder unvollständiger Daten
nicht alle Kostenkategorien in die Analyse einbezogen werden, so bleiben
beispielsweise psychosoziale Kosten oder Hausarbeitsausfälle meist unberücksichtigt.
Pharmakoökonomische
Antidepressiva-Studien
Die
vorliegenden Studien zur Kosten-Nutzen-Relation älterer trizyklischer
Antidepressiva versus neuerer Antidepressiva (zumeist SSRIs) wurden mittels
quasi-experimentellen, entscheidungsanalytischen Modellrechnungen bezogen
auf den Vergleich einzelner Substanzen oder anhand von Metaanalysen
verschiedener Studienergebnisse durchgeführt. Diese Analysen stützen sich
auf zum Teil vage Grundannahmen (z.B. hinsichtlich Rezidiv- und Abbruchraten)
und scheinen von Erwartungsdispositionen beeinflußt zu sein (Fritze 1997).
Sie unterscheiden sich u.a. in den klinischen Annahmen, den berücksichtigten
Kostenarten und der betrachteten Behandlungsdauer. Da letztere
Lebenszeitkosten impliziert, wird die Anfälligkeit für unzutreffende
Grundannahmen massiv erhöht.
Zwar
ebenso retrospektiv, aber der Routineanwendung wohl näherkommend, sind
Analysen aus Anwendungsbeobachtungen oder von Daten aus Health Maintenance
Organizations (HMO) (Sclar et al. 1995, Skaer et al. 1995, Forder et al 1996).
Bislang liegen nur zwei publizierte prospektive Studien zum Themenkreis
Pharmakoökonomie von Antidepressiva vor (Simon et al. 1996, Boyer et al.
1998). Die Auswertung einer 1-Jahres-Vergleichsstudie zwischen dem
Trizyklikum Trimipramin und SSRIs hinsichtlich pharmakoökonomischer Aspekte
ist im Gange (Ahrens et al in Vorb.).
Tabelle
3 (S. 11) gibt eine Übersicht zu den wichtigsten vorliegenden Studien.
Die
vorliegenden Untersuchungen zur differentiellen ökonomischen Nützlichkeit
von Antidepressiva in der Behandlung depressiver Störungen lassen sich
dahingehend zusammenfassen, daß die neueren Antidepressiva – vor allem
SSRIs – dank höherer Compliance, niedrigerer Abbruchraten und besserer
Verträglichkeit sowie geringerer Therapiefolgekosten kostengünstiger sein können.
Die diesbezüglichen, geschätzten (!) Effekte zugunsten der neuen Substanzen
sind aber begrenzt, eine große Metaanalyse sowie deutsche klinische
Erfahrungen lassen zum Beispiel Zweifel daran aufkommen, daß die Abbruchraten
unter SSRIs deutlich niedriger sind als unter TZAs. Dies gilt insbesondere
dann, wenn neuere, tertiäre TZAs oder Tetrazyklika mit SSRIs verglichen
werden (Hotopf et al. 1996, Song et al 1993, Revicki et al 1995). Song et al. (1993)
kamen in ihrer Metaanalyse von 63 vorliegenden Kostenkalkulations-Studien zu
dem Ergebnis, daß SSRIs die Behandlungskosten bei nur fraglichen Vorteilen
erheblich erhöhen. Spätere, differenziertere Berechnungen kamen zu dem Schluß,
daß höhere Medikationskosten der SSRIs durch folgende Faktoren ausgeglichen
werden: Mehr Therapieerfolge bedingt durch adäquate Dosierung und
Behandlungsdauer, weniger Arbeitsausfall und Intoxikationsfälle (Wilde und
Benfield 1998). Kühn erscheint die Berechnung, daß durch den Wechsel von
Trizyklika/Maprotilin auf SSRIs jährlich 300-450 Leben gerettet werden könnten
(Freemantle et al. 1994).
Pharmakotherapie versus
Psychotherapie
Jüngst
wurde eine randomisierte, kontrollierte Vergleichsstudie depressiver
Allgemeinarztpatienten hinsichtlich der Kosteneffektivität analysiert (Lave
et al 1998). Hierbei zeigte sich, daß die Pharmakotherapie mit Nortriptylin
sowohl hinsichtlich der ökonomischen Kosten als auch der Lebensqualität
einer interpersonellen Psychotherapie, sowie beide Behandlungsverfahren dem stützenden
ärztlichen Gespräch überlegen waren. Beide Standardtherapieverfahren
verursachten allerdings höhere Kosten als die übliche Primärarztkonsultation,
führten aber zu besseren Behandlungsergebnissen.
Diskussion und Synopsis
Anhand der in Tabelle 3 skizzierten bislang vorliegenden
Studien läßt sich in Anbetracht der einleitend erwähnten methodischen Unzulänglichkeiten
(bislang nur zwei vorliegende prospektive Studien, zumeist multivariate
retrospektive Regressionsanalyse bzw. entscheidungs-analytische
Modellrechnungen) die Frage einer unterschiedlichen ökonomischen Nützlichkeit
von Antidepressiva derzeit nicht eindeutig beantworten.
In
ihrer sehr sorgfältigen, kritischen Übersicht kommen Woods und Baker (1997) zu
dem Ergebnis, daß die derzeitige Datenlage bezüglich der Kosteneffizienz
neuerer Antidepressiva nicht ausreichend ist. Aus methodologischen Erwägungen
bezweifeln sie, daß der Primäreinsatz neuerer Antidepressiva
kosteneffektiver sei; als Gründe führen sie u.a. an, daß mit zunehmender
Behandlungsdauer die unmittelbaren Medikationskosten progressiv ansteigen und
die anfänglichen höheren TZA-Gesamtkosten (u.a. bedingt durch
Laborkontrollen, Titrierung, Nebenwirkungsmanagement) bei weitem übersteigen.
Desweiteren wurden in fast allen Modellrechnungen Medikationswechsel zwischen
TZA und SSRI (bzw. umgekehrt) ausgeschlossen.
Im Zentrum pharmakoökonomischer Analysen und Bewertungen
stehen zumeist Raten unerwünschter Nebenwirkungen und konsekutiver
Abbruchraten. In angloamerikanischen Studien konnten tatsächlich häufig –
keineswegs immer – signifikant niedrigere Therapieabbruchraten für SSRIs
im Vergleich zu trizyklischen Antidepressiva gefunden werden (Martin et al
1997, Anderson und Tomenson 1995).
Auch
Henry und Rivas (1997) fordern mehr profunde Studien, bevor Empfehlungen zur
Verschreibung von Antidepressiva ausgesprochen werden; Nebenwirkungen,
Compliance und Arzneimittelsicherheit sind zweifelsohne wichtige indirekte
Kostenfaktoren, die durchgeführten retrospektiven Kostenanalysen verwenden
jedoch unterschiedliche Modellrechnungen basierend auf hypothetischen
Annahmen.
Zu
den Vorteilen der SSRIs gehören – basierend auf Literaturmetaanalysen –
ihre höhere Akzeptanz und somit eine höhere Responserate unter ambulanten
Bedingungen. Demgegenüber verursachen TZA zumindest initial höhere zusätzliche
Kosten, wobei allerdings die Übertragbarkeit auf deutsche Verhältnisse
fraglich sein dürfte. In der Regel werden leider die vorgesehenen Labor- und
EKG-Kontrollen nicht durchgeführt!
Ein
weiteres Argument für neuere Antidepressiva kann sein, daß TZA – aus Angst
vor Nebenwirkungen – häufig unterdosiert werden und somit die Zahl der
Non-Responder bzw. chronifizierter Verläufe ansteigt.
Johnson
et al (1997) stellten anhand von US Health Maintenance Organization
(HMO)-8-Jahres-Daten fest, daß SSRI-behandelte Patienten mehr Mental Health
Services in Anspruch nahmen, bemerkenswert war die Zunahme der
SSRI-Verschreibung bei gleichzeitiger Abnahme psychiatrischer
Hospitalisierungen.
Eine
große Erhebung bei britischen Allgemeinärzten zeigte für SSRIs eine
niedrigere Abbruchsrate (22 % im Vergleich zu 33 % unter TZA).
Allerdings wurde bei Non-Response unter SSRIs häufiger auf andere
Antidepressiva umgestellt als bei Trizyklika (72 % versus 58 %).
Dies dürfte darauf zurückzuführen sein, daß innerhalb der Trizyklika
verschiedene Substanzen unterschiedlicher Wirk- und Nebenwirkungsprofile
existieren.
Zusammenfassend
läßt sich sagen, daß die derzeitige Datenlage es nicht zuläßt, SSRIs
gegenüber trizyklischen Antidepressiva mit der Begründung zu bevorzugen,
weil hierdurch trotz der erheblich höheren Medikationskosten eine
„preiswertere“ Therapie möglich sei.
Die
zahlreichen methodischen Mängel der bislang vorliegenden „Studien”
basieren u.a. auf statistischen Modellrechnungen zum Teil fraglicher
klinisch-praktischer Realitätsnähe. Unter der Perspektive „Lebensqualität”
ist allerdings ebenso wie bezüglich der Arzneimittelsicherheit von Vorzügen
der neueren Antidepressiva auszugehen. Welchen Preis diese Vorteile haben dürfen,
ist eine letztendlich sozial-/gesundheitspolitische bzw. medizinethische
Frage. Im Rahmen dieser Diskussion sollte nicht übersehen werden, daß nach
wie vor trotz vielfältiger Aufklärungs- und Fortbildungsmaßnahmen
Depressionen “unterdiagnostiziert” und nicht „adäquat” behandelt
werden.
Angesichts
der Häufigkeit dieser – potentiell lebensgefährlichen – Erkrankung muß
das Hauptziel sein, zu einer Verbesserung dieser Situation beizutragen.
Tab. 3: Übersicht pharmakoökonomischer Studien
|
Autor(en) |
Studiendesign,
N,
Zeitraum |
Vergleichs- substanzen |
Ergebnis
/ Schlußfolgerungen |
|
JÖNSSON & BEBBINGTON (1994) |
Modellrechnung direkte Krankheitskosten N=717; 3 Mon. |
Imipramin vs. Paroxetin |
Gleiche Behandlungskosten, pro erfolg- reich behandeltem Pat. Paroxetin > Imi- pramin |
|
EINARSON et al. (1995) |
Modellrechnung |
Venlafaxin vs.SSRI, TZA |
Stat.Pat.: Venlafaxin tendenziell kosten- günstiger,
amb.Pat. Generika |
|
ANDERSON & TOMENSON (1995) |
Metaanalyse 62 Studien N = 6029 |
|
SSRIs 10% geringere Abbruchquote als TZA, Gesamtdiff.
klein, nicht klin.rele- vant. 25% weniger NW-bed. Abbrüche. Zwischen SSRIs kein Unterschied |
|
LAPIERRE et al.(1995) |
Modellrechnung 6 Monate |
Paroxetin vs. Imipramin |
Paroxetin > Imipramin |
|
NUIJTEN et al.(1995) |
Modellrechnung 1 Jahr |
Citalopram vs. 3 TZA |
Citalopram > TZA |
|
SCLAR et al. (1995) |
HMO N = 744, 1 Jahr |
Fluoxetin, Paroxetin, Sertralin |
Fluoxetin kostengünstiger als Sertralin oder Paroxetin |
|
SKAER et al. (1995) |
HMO N = 823 |
Sertralin vs. TZA |
Sertralin bis zu 21% kostengünstiger als Amitriptylin,Nortriptylin,Desipramin |
|
MONTGOMERY et al.(1996) |
Modellrechnung 1 Jahr |
Nefazodon vs. Imipramin |
Nefazodon 14% kostengünstiger/Jahr |
|
HOTOPF et al. (1996) |
Metaanalyse 62 Studien |
SSRIs vs. TZA |
Kein Anhaltspunkt, daß SSRIs kosten- günstiger als TZA; nur ca. 3% mehr Abbrüche unter TZA |
|
FORDER et al. (1996) |
NHS (AWB) N = 398, 1 Jahr |
Sertralin vs. TZA |
Sertralin signifikant etwas kostengünstiger (2,3%) als
Dothiepin /Amitriptylin |
|
PRIEST (1996) |
Modellrechnung N=62 stat.
Pat. |
Venlafaxin vs.Fluoxetin |
Venlafaxin 11% kostengünstiger als Fluoxetin |
|
SIMON et al. (1996) |
Prospektive Modell-rechnung N=536, 6 Monate |
Fluoxetin vs. Imipramin, Desipramin |
Kein bedeutsamer Unterschied bzgl. Kosten
u.Lebensqualität; <Abbrüche unter Fluoxetin,
mehr Hospital. unter Imipramin |
|
REVICKI et al. (1997) |
HMO Modellrechnung (QALYs) |
Nefazodon vs. Imipramin vs. Fluoxetin |
Kosten: Imipr.>Nefazodon>Fluoxetin QALYs: Nefazodon u.Fluoxetin besser
als Imipramin |
|
WOODS & RIZZO (1997) |
Modellrechnung (revidiert) |
Imipramin vs.Paroxetin |
Imipramin-u.Paroxetinkosten ungefähr gleich, Imipramin
pro erfolgreich behandeltem Pat. 6-11% kostengünstiger |
|
CROWN et al. (1998) |
Retrospekt. Modellrechnung Privatvers.
1 Jahr |
TZA vs. SSRI |
SSRI Total Healthcare-Kosten niedriger (TZA höhere Abbruchrate) |
|
WILDE &BEN-FIELD
(1998) |
Review |
Fluoxetin vs. TZA |
Direkte Fluoxetin-Kosten = TZA = andere SSRI |
|
BOYER et al. (1998) |
Prospektive Doppel- blindstudie |
Fluoxetin vs. Sertralin |
Sertralin > Fluoxetin |
|
HYLAN et al. (1998) |
MVA 1 Jahr |
Fluoxetin, Sertralin, Paroxetin vs TZA |
Direkte Kosten: Fluoxetin>TZA
Sertralin u.Paroxetin = TZA
|
|
SCLAR et al. (1998) |
Naturalist.HMO, MVA (retrosp.
intent to treat) N=550, 1 J. |
Amitriptylin,
Nortriptylin vs.Fluoxetin |
Mehr Medikationswechsel
unter Amitri-ptylin u.Nortriptylin Fluoxetin>Amitriptylin/Nortriptylin |
AWB =
Anwendungsbeobachtung, HMO = Health Maintenance Organization,
MVA = Multivariate Analyse, QALYs = Quality-adjusted life years,
SSRI = Serotonin-Selektive Rückaufnahme-Inhibitoren,
TZA = Trizyklische Antidepressiva,
> = niedrigere Kosten
als, = =gleiche Kosten
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